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Robert und Hertha sitzen nebeneinander auf einer Bank vorm Haus und lächeln freundlich in die Kamera.

Robert & Hertha

Der Soldat und das Mädchen

Ein Krieg bringt Robert Scholten als verwundeten Soldaten auf die Nordseeinsel Langeoog. In einem Lazarett beginnt dort nicht nur seine Genesung, sondern auch eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. 

Es schien beinahe, als habe das Schicksal längst entschieden, wohin Robert Scholten gehören sollte – nicht in ein anonymes Lazarett im Herzen Deutschlands, sondern auf eine abgelegene friesische Insel, dorthin, wo Wind und Meer alles Fremde langsam glätten. Das Jahr 1944. Der Krieg war noch nicht zu Ende, und Robert hatte bereits einen langen, erschöpfenden Weg hinter sich. Schwer verwundet war er aus dem Russlandfeldzug gekommen, weitertransportiert auf der „Pretoria“ der Afrika-Linie bis nach Swinemünde. Von dort ging es nach Sanderbusch bei Wilhelmshaven und anschließend in ein Krankenhaus in Varel. Es war eine Abfolge von Orten, die mehr wie Stationen eines langen Abwärtstrends wirkten als wie Orte der Heilung. Dann kamen die Kanadier. Plötzlich standen sie in den Krankenzimmern, fremd, entschlossen, mit Maschinenpistolen über der Schulter. Robert und einige Männer seiner Einheit wurden aus ihren Betten geholt, ohne große Worte, ohne Erklärung, und nach Langeoog gebracht. Robert Scholten, geboren 1921 in Hasselt bei Kleve am Niederrhein, war zu diesem Zeitpunkt ein junger Mann, der bereits mehr gesehen hatte, als viele in einem ganzen Leben. Auf Langeoog hatten die Kanadier mehrere Hotels kurzerhand zu Lazaretten umfunktioniert. Eines davon war das „Deutsche Haus“ mitten im Dorf. Dort landete Robert schließlich. Im großen Saal unten, zwischen etwa fünfzig weiteren Verwundeten, lag er mit Verletzungen am Fuß und am Bauch. Ein einziger Arzt und eine Krankenschwester versuchten, die Versorgung aufrechtzuerhalten. Es war wenig – zu wenig. Doch die Kanadier reagierten schnell. Sie holten junge Frauen der Insel als zusätzliche Pflegekräfte. So kam auch Hertha Lüken ins Lazarett, gemeinsam mit einigen ihrer Schulfreundinnen. Die Insel selbst war in diesen Jahren ein Ort der Entbehrung. Alles war knapp, vieles fehlte. Auch die Inselbewohner litten Hunger. Und die Verwundeten, die hier gestrandet waren, bekamen das besonders zu spüren. Immer wieder sah man Männer ohne Beine, die sich auf selbstgebauten Rollbrettern über den Hof bewegten, um zu den Möwenkolonien zu gelangen. Dort suchten sie nach Möweneiern. Andere warteten an der Kuhweide beim Bahnhof in der Hoffnung auf einen Becher Milch. Es war ein Leben am Rand, reduziert auf das Notwendigste. Als sich Roberts Zustand langsam stabilisierte, begann er, vorsichtig das Dorf zu erkunden. Humpelnd, mit Schmerzen, aber getrieben von Neugier. Dabei fiel ihm ein Schaufenster besonders auf – das eines Fotografen. Zwischen Landschaftsaufnahmen der Nordsee hing dort ein Porträt: ein junges Mädchen in einem geblümten Kleid. Dieses Gesicht blieb hängen. In diesem einen Moment verschwanden für ihn Hunger, Enge und die Schwere des Krieges. Es war nur dieses Bild, das blieb. Immer wieder kehrte er dorthin zurück, so oft sein Bein es zuließ. Für ihn war sie das „lecker Mädchen“, wie man in seiner Heimat eine besonders hübsche junge Frau nannte. In dieser Zeit wurde das Bild zu einem Fixpunkt. Etwas, das nicht mit dem Krieg zu tun hatte. Oft lag er auf seinem Bett im Lazarett, hinter einer Säule, von der aus er den Saal nicht vollständig überblicken konnte. Stunden vergingen, in denen er nur dachte und wartete. Bis eines Tages etwas geschah, das er zunächst für eine Täuschung hielt. Das Mädchen aus dem Schaufenster ging tatsächlich an seinem Bett vorbei.Sie war im Lazarettdienst eingesetzt und sammelte Essgeschirr ein. Erst jetzt sah Robert sie in der Wirklichkeit – jung, lebendig, und genau so, wie er sie sich vorgestellt hatte. Von diesem Moment an war das Bild nicht mehr nur ein Bild. Als sich der Zustand vieler Verwundeter weiter verbesserte, organisierte man sogenannte „Bunte Abende“. Musik, kleine Aufführungen, etwas Ablenkung vom Alltag im Lazarett. Bei einem dieser Abende begegneten sich Robert und Hertha bewusster. Die Blicke wurden länger, das Schweigen bedeutungsvoller. Aus vorsichtiger Nähe wurde Vertrautheit, aus Vertrautheit etwas, das sie beide nicht mehr losließ. Hertha war 1928 auf Langeoog geboren, lebte in einem Friesenhaus nur wenige Minuten vom Lazarett entfernt und hatte kurz zuvor ihre Ausbildung an der Handelsschule in Wilhelmshaven abgeschlossen. 1945 lernten sie sich kennen. Der Krieg endete – und etwas Neues begann. 1947 heirateten sie auf Langeoog. Robert blieb der Insel im Herzen verbunden und nannte Hertha liebevoll sein „lecker Pipper“. Auch Hertha empfand diese Zeit als Beginn eines gemeinsamen Lebens, das sie nicht mehr loslassen würde. Der Abschied von der Insel fiel ihr nicht schwer, als sie 1947 nach Hasselt in Kleve zogen. Robert fand einen Job in der Schuhfabrik Hoffmann in Kleve. Kurz drauf 1948 wurde dann Tochter Brigitte geboren und der Wunsch nach einer kleinen Familie erfüllte sich. 1952 zog die Familie gemeinsam nach Dinslaken. Dort begann ein neuer Abschnitt. Robert arbeitete 37 Jahre lang als Mechanikermeister in der Schuhfabrik Gustav Hoffmann und war für die Instandhaltung von 900 Nähmaschinen verantwortlich. Es entstanden Freundschaften mit Arbeitskollegen und Nachbarn. Robert ging fischen und kegeln, Hertha nähte einmal wöchentlich wunderschöne Kleider in einem Raum der Schuhfabrik. Brigitte wurde erwachsen, heiratete Gerd, und drei Enkelkinder wurden geboren. Erst 1989 kehrten sie nach Langeoog zurück, als Herthas Mutter pflegebedürftig wurde und Robert in den Ruhestand ging. Es war eine Rückkehr an den Anfang ihrer gemeinsamen Geschichte. Dort, wo alles begonnen hatte, verbrachten sie ihren Lebensabend. Ein Haus mit Rosen, ein Garten, der über die Jahre wuchs, und ein stetiger Strom von Besuchern – Familie und Freunde. Es war ein offenes Haus, in dem immer jemand kam und jemand blieb. Robert, die rheinische Frohnatur mit handwerklichem Geschick und Liebe zu Fahrrädern und seinen Rosen. Hertha, die ruhige, beständige Kraft, die alles zusammenhielt, gerne nähte und gut kochte. Es wurde erzählt, gearbeitet, gelacht. Tee getrunken, Kuchen gebacken, Sonntags zum Essen „In´t Dörp“ und manchmal ein Glas „Roter Langeooger“ getrunken. 76 Jahre gingen sie diesen Weg gemeinsam. Ein Jahr vor ihrem Tod verließen sie ihr Haus und zogen in das Seniorenheim „Bliev hier“ auf Langeoog. Dort wurden sie bis zuletzt liebevoll und aufmerksam umsorgt. Robert starb im Jahr 2023 im Alter von 102 Jahren. Hertha folgte ihm ein halbes Jahr später mit 96 Jahren. Heute bleiben Erinnerungen an zwei Menschen, die nicht laut auftraten, aber beständig waren. Die nicht im Mittelpunkt stehen wollten und doch für viele ein wichtiger Bezugspunkt waren. Menschen, bei denen man sich gesehen fühlte – und willkommen. Wir vermissen sie sehr, denn sie waren außerordentlich liebevolle und achtsame Menschen. Bei ihnen fühlte man sich stets gesehen, verstanden und von Herzen willkommen.

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